Augsburg

Im Bezug auf Bärenreiter überstrahlt der heutige Verlagssitz Kassel bei weitem Augsburg, die Stadt der Gründung und der Frühzeit des Verlags 1923–1927. Dennoch sind viele Ansätze und Entwicklungen in dieser frühen Zeit zu finden, als der Verlag in der Stadt am Lech seine Heimatstatt hatte. Hier verbrachte Karl Vötterle seine Jugend, seine Lehrzeit und die ersten Jahre der Selbstständigkeit - erst die Hochzeit mit Maria Zeiss führte ihn in deren nordhessische Heimat.

In seinen Erinnerungen Haus unterm Stern schreibt Karl Vötterle ausführlich von der Inselwelt am Lech und von den ersten Aktivitäten als Mitglied des Augsburger Wandervogels. Als Stammgast der örtlichen Stadtbibliothek wurde ihm die Liebe zu Büchern und die Bedeutung des Sammelns und Bewahrens bewusst. So erstand er auf dem Schulweg durch die Jakober Vorstadt erste antiquarische Bücher auf dem Tandelmarkt und legte damit den Grundstein der späteren Bärenreiter-Bibliothek. In der Bürgermeister-Fischer-Straße 10 arbeitete er ein Jahr als Gehilfe des Buchhändlers Robert Reuß und bereicherte das Leben der Stadt mit der Organisation von Dichterlesungen und Vorträgen.

Ein Schlüsselerlebnis, die Bekanntschaft mit Walther und Olga Hensel im Frühjahr 1923 anlässlich eines Liederabends in der Stadt, führte dann später im Jahr, inmitten der Inflation, zum Beginn der Verlagstätigkeit in der elterlichen Wohnung in der Garbenstraße, später Otto-Lindenmeyer-Straße 17. In der Wohnung im dritten Stock eines Mietshauses, nach der im Erdgeschoss befindlichen Gastwirtschaft „Aumühle“ genannt, wurden die ersten Finkensteiner Blätter gefalzt und, mit Hilfe der Mutter, die die Kordeln nähte, Sammelmappen gefertigt. Der Name des Hauses führte zu der nur kurz verwendeten Verlagsbezeichnung „Bärenreiterverlag Augsburg-Aumühle“. Mit der Einstellung der ersten Mitarbeiter zog der Verlag in die Neuhoferstraße um.

1927, kurz vor dem Umzug nach Kassel, konnte der 24-jährige Vötterle auf das Ergebnis der Augsburger Zeit zurückblicken: vierzehn Mitarbeiter, eine Druckerei und ein Programm, das zwar durchaus eine Präferenz für das Musikalische aufwies, aber auch Postkarten, Kunstbücher, Hauswirtschaftsbücher, Schöngeistiges, Jahrbücher und Zeitschriften umfasste.