Auftrag und Passion

Der Bärenreiter-Verleger Leonhard Scheuch wurde achtzig

Wenige Schritte sind es vom Wohnhaus zum Verlag, sie führen ihn seit 42 Jahren in dasselbe Büro: Das Konstante – der großzügige Raum mit dem Eichentisch des Verlagsgründers Karl Vötterle und dem Blick nach Osten über die Stadt Kassel – ist Basis und Kraftzentrum. Von hier aus leitet Leonhard Scheuch seit 1976 zusammen mit seiner Frau Barbara Scheuch-Vötterle und inzwischen auch mit deren Sohn Clemens Scheuch den Bärenreiter-Verlag. Am 21. Mai wurde der in Winterthur geborene Verleger 80 Jahre alt.

Als Student und junger Mann hatte er andere berufliche Pläne. Er studierte Theaterwissenschaft in München und Wien, lernte Musiktheater an der Lindenoper und der Komischen Oper in Ost-Berlin sowie an der Hamburgischen Staatsoper von der Pike auf, wurde danach Dramaturg am Zürcher Opernhaus. Noten sah er damals als Mittel zum Zweck gelungener Opernaufführungen. Als er 1974 seine spätere Ehefrau Barbara Vötterle kennenlernte, die Tochter des Bärenreiter-Gründers, stand eine Entscheidung an: Weiterverfolgung der Theaterkarriere mit wechselnden Orten oder der Sprung in die freie Wirtschaft und ein Leben im Musikverlag? Scheuch entschied sich für Bärenreiter, trat 1976 als Geschäftsführer in das Unternehmen ein. Seine Opernerfahrungen kamen dem Verlag von Anfang an zugute. Die vorhandenen Kontakte baute er aus, reiste (und reist bis heute) zu Festivals, Opernhäusern, Konzertsälen. Lange bevor das Wort in den Sprachgebrauch einging, war er ein „Netzwerker“. Besonders die zeitgenössische Musik machte er sich mit der ihm eigenen Passion zur Aufgabe: Mit Rudolf Kelterborn und Giselher Klebe, deren Werke er schon in Zürich zur Uraufführung begleitet hatte, traf er bei Bärenreiter auf zwei ihm Bekannte. Und mit Manfred Trojahn und Ulrich Stranz lernte er die damals jüngsten Bärenreiter-Komponisten kennen. Der Schweizer Verleger, der auch für Bärenreiter Basel verantwortlich ist, bot Komponisten aus der Schweiz wie Beat Furrer (Träger des Ernst von Siemens Musikpreises 2018), Andrea Lorenzo Scartazzini und Dieter Ammann eine verlegerische Heimat bei Bärenreiter. Sie alle schätzen die weitsichtige und persönliche Betreuung durch Leonhard Scheuch und seine Mitarbeiter.

Wenn sich für eine neue Oper der Vorhang hebt – annähernd 50 Uraufführungen von „Bärenreiter-Opern“ waren es seit 1976 –, wenn die ersten Takte eines neuen Orchesterwerks erklingen, dann ist dies immer Ergebnis einer jahrelangen Vorbereitung. Die Suche nach dem Stoff, die Verhandlungen mit Intendanten und Dirigenten, die immer dringlicheren Ermahnungen an die Komponisten zur Abgabe der Manuskripte, die Koordinierung des komplizierten Herstellungsprozesses und nicht zuletzt auch die Beseitigung allzu großer finanzieller Risiken beanspruchen viel Zeit und Hingabe für das jeweilige Projekt. Lange nächtliche Telefonate mit den Komponisten sind keine Seltenheit. Die Zahl der Komponistinnen und Komponisten, deren Werke von Bärenreiter betreut werden, ist überschaubar. Echte „Bärenreiter-Entdeckungen“ sind darunter wie Matthias Pintscher und Miroslav Srnka, der 2016 mit seiner Oper „South Pole“ an der Bayerischen Staatsoper in die erste Garde aufrückte.

Was ist mit den Klassikern, die die Neuen mittragen? Als Scheuch seine Tätigkeit in Kassel aufnahm, fand er ein Verlagsprogramm vor, das vor allem auf den ganz Großen wie Bach, Händel, Mozart, Schubert basierte. Das Ererbte mit dem Ethos eines Verlegers von altem Schlage fortzuführen, das hat er sich zur Aufgabe gemacht. Die Trennung von unproduktiven Programmsegmenten ging einher mit der Öffnung in Bereiche, an die Karl Vötterle nie ernsthaft gedacht hatte: die Namen Rossini, Fauré, Debussy, Elgar mögen für viele andere stehen.

Aus einer anderen Leidenschaft, der Liebe zur tschechischen Musik, zu ihren großen Komponisten Smetana, Dvořák, Martinů und vor allem Janáček, entstand ein neues wichtiges Arbeitsgebiet für den Verleger. 1991 gründete er Bärenreiter Praha, indem er nach dem Zusammenbruch des Kommunismus mit großer Beharrlichkeit den darniederliegenden tschechischen Notenstaatsverlag Editio Supraphon zu einem Privatunternehmen machte. Der Prozess dorthin, erschwert durch die Teilung der Tschechoslowakei und durch offene und untergründige Ressentiments, war schwierig und hätte andere zum resignierten Aufgeben bewegt. Heute ist Bärenreiter Praha ein stabiles Unternehmen mit 26 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einem breiten Editionsprogramm, das die Tradition der alten tschechischen Musikverlagskultur fortführt.

Leonhard Scheuch hat schon vor seinem 80. Geburtstag nach und nach versucht, sein Pensum zu reduzieren, doch das Büro mit dem schönen Blick ist noch immer Mittelpunkt seiner Arbeit mit Autoren, Komponisten, Intendanten, Dirigenten und Musikern. Hier laufen auch weiterhin die Fäden für die zeitgenössische Musik bei Bärenreiter zusammen wie auch für zwei große Ereignisse in den kommenden Jahren: das Beethoven-Gedenkjahr 2020 und das hundertjährige Jubiläum des Bärenreiter-Verlages 2023.