Vadim Karassikov

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„Die Stille dieser Musik ist die einer frosterstarrten Katastrophe, jedoch zugleich auch die eines unbegrenzten Glücks.

Hier gelangen die Intensität der emotionalen Spannungen und die der geistigen Konzentration an ihre äußerste Grenze. Diese Stille – wie ich sie empfinde – hat die Kraft eines Kontinuums, umfasst sie doch durch die scheinbare Abwesenheit des Klanges alles klanglich Mögliche.
Jeden einzelnen Klang, der die Grenzen dieses Kontinuums überschreitet, nehme ich als Ereignis von außergewöhnlichem, von wahrhaft unschätzbarem Wert wahr. Genau so unschätzbar wie jene ganzheitliche Wirklichkeit, von der dieser Klang immer ein Teil bleiben wird. Und wie dieses eine Ereignis bleibt mir auch jeder einzelne Klang immer ein Geheimnis.
Der Raum des Hörbaren ist nur der eine von zweien, in denen diese Musik ins Bewusstsein dringt.

Der andere Raum ist der des Sehbaren.

Der Bereich des Gestischen bildet den sehbaren Raum dieser Musik. Jede Geste besitzt genau den gleichen Wert wie der Klang.

Denn es ist immer die Energie eines Klanges, aus der sich der Ursprung der Geste bildet. In der Tat besitzt jeder Klang diese Energie.
Jeden musikalischen Klang empfinde ich auch als Geste, die sich auf den Raum des Hörbaren projiziert.

In dieser Musik verliert die Geste oft nahezu völlig ihre hörbare Dimension, hierdurch wird der Zuhörer zum Zuschauer.

Und wie ein Klang hier stets seinen eigenen Weg an dem Rand zur Stille entlang zieht, so zeichnet ihn die Geste an der Grenze zur Reglosigkeit.

Das Reglose ist hier die Stille der Geste. Und wie der Klang sich in diesen Werken oft abermals in das Reich der Stille zurückzieht, um von dort aus erneut zu erscheinen – oder um dort für immer zu verbleiben –, so verliert die Geste fast oder gänzlich ihre Umrisse im Raum des Reglosen.
Worauf es ankommt, ist nicht die bloße Tatsache der Abwesenheit dessen, was für gewöhnlich als musikalisches Material erscheint (4‘33”), sondern vielmehr die außerordentliche Fassbarkeit dieses Grenzbereichs, in dem Musik sich zu formen beginnt und von wo aus sie sich aus der Starre der Gegenwart löst.“

     Vadim Karassikov, 2001