Singen mit älteren Menschen

Kai Koch ist Musikpädagoge, Lehrer, Chorleiter und er ist einer der Spezialisten für das Singen mit älteren Menschen. Zusammen mit Franz Josef Ratte wird er für den Bosse Verlag eine neue Reihe von Chorbüchern für Chöre mit älteren Menschen herausgeben. Anfang 2018 erscheint der erste Band mit dem Thema „Advent“. Einige Fragen an Kai Koch.

Alle Welt spricht von den „jungen Alten“. Warum braucht man überhaupt besondere Noten für ältere Sängerinnen und Sänger?

In erster Linie braucht man keine „besonderen Noten“, denke ich, sondern man braucht eine Sammlung von Stücken, die sich gut in Seniorenchören umsetzen lassen. Chorleiterinnen und Chorleiter kennen das Problem, dass man ein Chorbuch kauft und daraus nur wenige Stücke jemals mit dem eigenen Ensemble aufgeführt. Vieles passt einfach nicht. Bei vielen Sängerinnen und Sängern verändert sich im Alter die Stimme: Beispielsweise können Frauenstimmen tiefer werden; bei Männern wird unter Umständen die Bruststimme dünner oder die Atmung und der Registerwechsel fallen schwerer. Bei der Literaturauswahl muss man daher bei Seniorenchören einige Aspekte in besonderer Weise berücksichtigen. Bei dem Chorbuch „Advent“, das ich mit meinem Kollegen Franz Josef Ratte herausgebe und das in dem Workshop auf der chor.com vorgestellt wird, haben wir sowohl auf die stimmlichen Dinge geachtet als auch eine bunte und ansprechende Sammlung zusammengestellt, die bereits durch den Diakoniechor Hilden „praxiserprobt“ ist. Die Noten für Seniorenchöre sind also – bis auf die Schriftgröße vielleicht – nicht „besonders“, aber die Zusammenstellung und die Anforderung an das Repertoire sind „außergewöhnlich“.

Was muss ein Chorleiter beachten, wenn er mit einem Seniorenchor probt?

Zunächst muss man sagen, dass der Begriff „Seniorenchor“ an sich schon unheimlich vielseitig ist. Es gibt zum Beispiel „Seniorenkammerchöre“, die sich kaum von anderen Ensembles unterscheiden. Chorleiter können dort genauso proben wie sonst auch. Wenn man jedoch neue Angebote für Ältere macht, die die Freude des Singens in den Vordergrund stellen und sich das Wiederentdecken der eigenen Stimme (vielleicht in der nachberuflichen Phase) auf die Fahne geschrieben haben, ist die Art des Chorleitens schon eine andere. Chorleiter, die mit Seniorenchören arbeiten, müssen neben zusätzlichem Hintergrundinformationen (zum Beispiel aus der Gerontologie) auch die besonderen stimmlichen Veränderungen kennen. Außerdem sind unter Umständen andere Probenschritte notwendig. Die Chorleiterinnen und Chorleiter, die ich in meiner Doktorarbeit befragt habe, sagten, dass man methodisch kleinschrittiger arbeiten müsse und dass die Literaturauswahl eine besondere Rolle spiele. Das Wichtigste sei jedoch, dass man Freude am Proben mit Älteren habe und sich auf die „Seniorenchorleitung“ einlassen wolle. Neben den musikalischen sind vor allem die sozialen und menschlichen Kompetenzen wie Empathie, Geduld, Respekt und Verständnis unerlässlich.
 
Wie berücksichtigen Ihre Arrangements die Anforderungen an ältere Stimmen?

Wir haben in erster Linie auf die Umfänge der Stimmen und die Lagen geachtet. Außerdem haben wir Stücke ausgewählt, die einen angemessenen Schwierigkeitsgrad haben und beispielsweise nicht zu lange Atemphrasen ausweisen oder rhythmisch zu komplex sind. Polyphone Passagen sollten klare Einsätze haben und tonal gut nachvollziehbar sein. Das „Besondere“ an der Sammlung ist jedoch sicherlich die Zusammenstellung in Bezug auf die Besetzungen. Sie bietet ein großes stilistisches Spektrum, das vom Gregorianischen Choral über klassische Chorsätze bis hin zu Gospels, Improvisationen und neuer Musik in flexiblen und vielseitigen Besetzungen reicht (Ein- bis Vierstimmigkeit, A-cappella-Sätze und Werke mit Instrumentalbegleitung sowie Melodiestimmen in verschiedenen und partiell auch wechselnden Chorstimmen usw.). Zudem wurde auf eine ansprechende Mischung aus Alt und Neu geachtet: Vielen bekannten Melodien oder Sätzen stehen neue Arrangements und Kompositionen gegenüber. Wir haben nicht nur bereits vorhandene adventliche Stücke gesichtet, sondern auch ganz bewusst viele Aufträge für Kompositionen und Arrangements entsprechend unserer Kriterien vergeben, um „passendes“ Repertoire zur Verfügung stellen zu können.

Gibt es ein bestimmtes „Seniorenrepertoire“?

Ich denke, dass das stark vom Chor abhängig ist. Es werden ja neben „normalen“ Seniorenchören auch Rock- und Popchöre, Gospelchöre, Improvisationschöre, Frauen- und Männerchöre sowie Kirchenchöre oder Chöre für Menschen mit demenziellen Veränderungen gegründet. Von daher gibt es nicht „das eine Seniorenrepertoire“. Wichtiger ist allerdings, dass es Sammlungen gibt, die eine Vielzahl leicht realisierbarer und klanglich ansprechender Chorwerke zur Verfügung stellen und die stimmlichen Voraussetzungen berücksichtigen. Ich bin mir sicher, dass Seniorenchöre in diesem Band zum Advent und in denen, die in der Reihe zu anderen Themen außerdem noch erscheinen sollen, viele Kompositionen finden werden, die Freude machen und die mehr als „passend“ sind, ohne dass die Hälfte des Inhalts wie bei anderen Sammlungen rausfällt, weil sich die Stücke im Seniorenchor nicht realisieren lassen.

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