Kein Greis, kein Gläubiger. Leos Janácek 1826 in Hukvaldy

„Janáceks Musik war in den 20er Jahren des 20. Jahrhundets das Radikalste, was die europäische Musik zwischen 1900–1920 hervorgebracht hat. Aus dem jungen Konservativen war ein alter Avantgardist geworden. In der Geschichte des musikalischen Denkens findet man üblicherweise das Gegenteil. Janácek ist eine der bemerkenswertesten Ausnahmen in der Musikgeschichte der Neuzeit.“ (Milos Stedron)

„Kein Greis, kein Gläubiger“ – so entschlossen und leidenschaftlich reagierte der 73-jährige Janácek auf Kritik, die seine „Glagolitische Messe“ als das geniale Werk eines gläubigen Greises bezeichnet hatte. Vielleicht genauso wie diese Aussage des Komponisten über sich selbst ist alle Musik Janáceks – überraschend, bündig, schlagfertig, kräftig, leidenschaftlich und ewig jung. Der Komponist, bis zu seinem zweiundsechzigsten Lebensjahr kaum bekannt, entfaltete sich auf einmal wie eine Blüte und schuf eine Reihe unvergleichlicher Werke, über deren Originalität wir bis heute staunen.

Janácek ist eng mit Brünn verbunden, wo er fast sein ganzes Leben hindurch lebte und arbeitete. Kein Wunder, dass er lange missverstanden und lediglich als ein lokaler Sonderling angesehen wurde. Neben seiner eifrigen Teilnahme an der Organisation des Brünner Musiklebens unternahm er Streifzüge durch mährische Dörfer, wo er Volkslieder und Tänze aufzeichnete, die er als Zeugnisse wahren Lebens ansah. Er begann sogar, alles aufzuschreiben, was er um sich herum hörte: die Rufe der Menschen, die Geräusche der Städte und der Tiere. In den sogenannten Sprachmelodien hielt er sogar die Stimme seiner geliebten, sterbenden Tochter Olga fest: „Papa, spiel mir deine Oper vor, ich werde sie nicht mehr hören.“ Und es war gerade die Oper „Jenufa“, mit der  Janácek 1916 zum ersten Mal auf einer internationalen Bühne durchdrang und die Anerkennung erreichte, die ihn nicht mehr verlassen sollte.

Obwohl seit dem Tod Janáceks bereits 90 Jahre vergangen sind, beeindruckt uns die Modernität seines kompositorischen Stils noch immer. Er verzichtet nie auf die Melodie, er behandelt sie jedoch höchstens originell, er seziert und schichtet sie, verwendet sie zu Collagen, und verbindet das alles mit seinem unglaublichen Sinn für das Dramatische. Seine kompositorische Eigenart, gemeinsam mit seiner sehr komplizierten Notenschrift, verlangt von seinen Herausgebern die höchste Sorgfalt in hochwertigen Editionen. Deshalb setzt der Bärenreiter-Verlag seine vor Jahrzehnten begonnene Kritische Gesamtausgabe der Werke von Leos Janácek fort, und außerhalb dieses gewaltigen Projekts bringt er im „Bärenreiter Urtext“ auch neue Editionen heraus und bietet Aufführungsmateriale und Janáceks Werke in Bearbeitungen an.

Janáceks plötzlicher Tod am 12. August 1928 hat alle, die seine Energie und Lebensfreude gekannt haben, tief getroffen. Der tschechische Schriftsteller Karel Capek schrieb im Nachruf auf den Komponisten: „Wir werden mit unseren Seufzern drei Handvoll Erde nicht nur für einen großen Musiker, sondern auch für diese große, wunderbare Jugend werfen.“

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