Aufführungspraxis

Haben wir gesichertes Wissen darüber, was allgemein bekannte Vortragsbezeichnungen für Brahms und seine Zeitgenossen wirklich bedeuteten? Eine Crescendo-Gabel z.B. scheint eindeutig eine Zunahme der Lautstärke zu bezeichnen. Das ist zwar richtig, aber es ist nur ein Teil der Wahrheit. Mit diesem Zeichen wurden auch Temposchwankungen oder zumindest eine gewisse Flexibilität beim Tempo angezeigt – etwas zwischen echtem Rubato (das der Komponist möglicherweise notiert hätte) und einem strikten Festhalten am konstanten rhythmischen Puls.

Wie sieht es beim Vibrato für Streicher aus? Heutzutage wird diese Frage oft darauf reduziert, ob man mit Vibrato oder ohne Vibrato spielen soll. Für Brahms und seine Zeitgenossen war das Vibrato eines von vielen Ausdrucksmitteln, das sparsam und als gelegentliche Verzierung eingesetzt wurde.

Sind Sie ein Pianist, der intensiv dafür geübt hat, mit beiden Händen perfekt synchron zu spielen? Die Asynchronie der Hände, also die zeitliche Trennung der Melodie von der Begleitung, wurde von Brahms und seinen Zeitgenossen als Ausdrucksmittel eingesetzt. Und wussten Sie, dass es bis zu einem gewissen Grad völlig normal war, Akkorde arpeggiert zu spielen? Alle Akkordtöne genau gleichzeitig zu spielen, wurde als besonderer Effekt aufgefasst. In unserer Publikation “Aufführungspraktische Hinweise zu Johannes Brahms' Kammermusik” findet man eine Fülle von Informationen zur Aufführungspraxis der Romantik. Der erhellende Text von Clive Brown, Neal Peres Da Costa und Kate Bennett Wadsworth hat das Potenzial, für jeden Interpreten romantischer Kammermusik zur Pflichtlektüre zu werden.


17,50 €