Hector Berlioz – Außenseiter der französischen Musik

150 Jahre sind seit dem Tod von Hector Berlioz (1803–1869) vergangen. In der Welt der Musik ist sein Name natürlich präsent, aber in durchaus anderer Weise als bei den übrigen Meistern, die das 19. Jahrhundert mit ihrer Kunst repräsentieren. Vielleicht ist es der enorme Schattenwurf der frühen „Symphonie fantastique“, die nicht nur als Komposition mit ihren „Ohrwürmern“, sondern auch durch die Konzeption als faustisch-gruselige Lebensbeschreibung eines Mittzwanzigers den Blick auf ihren Schöpfer verstellt. Nur mit Mühe lässt sich hinter dieser Künstlerinszenierung die reale Persönlichkeit greifen − jenen Berlioz mit seinen vielen Begabungen und Brüchen, der ein Außenseiter innerhalb der französischen Musik seiner Zeit blieb und mit dem Kulturbetrieb der Hauptstadt ebenso haderte, wie das Pariser Publikum ihm gegenüber fremdelte

Auf das nach dem Vordiplom abgebrochene Medizinstudium folgte 1825 die Aufführung der „Messe solennelle“, mit der ein musikalischer Amateur, der als Jugendlicher Flötenunterricht genossen und sich das Gitarrenspiel selbst beigebracht hatte, der sich in die Kompositionsabhandlungen aus väterlichem Besitz und in die Partituren von Glucks Opern vertieft hatte, nach kurzzeitigem privaten Unterricht bei Jean-François Le Sueur eine Probe seines Könnens ablegte. Und was für eine! Erst danach wurde Berlioz zum Musikstudium am Conservatoire zugelassen. Wie zäh aber sein Ringen um Anerkennung als Komponist blieb, belegen seine nicht weniger als vier Anläufe zur Erlangung des Rompreises; als er ihn 1830 schließlich erhielt, ging Berlioz jedoch nur mit großem Widerwillen nach Italien ¬und düpierte das Preis-Komitee abermals, als er anschließend keine Lust zeigte, die ebenfalls mit dem Rompreis verbundene Deutschlandreise anzutreten.

In den 1830er Jahren etablierte sich Berlioz als angesehener Musikkritiker, dessen spitze Feder gleichwohl das ambivalente Verhältnis zum Pariser Musikleben zementierte. Berliozʼ Ideal war das absolute Kunstwerk von poetischer Tiefe, mitreißender Dramatik und musikalischer Originalität jenseits der üblichen Gattungsgrenzen, die er in seiner Musik aufzuheben suchte. Oft genug scheiterte freilich dieses Ideal an der Wirklichkeit: Als Niccolò Paganini 1834 ein Bratschenkonzert bestellte, komponierte Berlioz „Harold en Italie“, eine „Symphonie en quatre parties avec alto principal“. Paganini war enttäuscht; es fehlten die brillanten virtuosen Passagen. Auch seine erste Oper „Benvenuto Cellini“ wollte nicht gefallen – sie war zu groß und zu lang und entsprach weder den Ansprüchen der Sängerschaft noch den Erwartungen des opernverwöhnten Pariser Publikums. Besser lief es mit der vom französischen Innenministerium in Auftrag gegebenen „Grande Messe des morts“, die bei der Erstaufführung im Invalidendom wegen ihrer Monumentalität alle Beteiligten bis ins Mark erschütterte. Ein Durchbruch aber war es nicht. Dieser gelang Berlioz auf einer seiner zahlreichen Reisen als Dirigent eigener Werke ausgerechnet im vormals verschmähten Deutschland: Hier fand seine symphonische Programmmusik ein bestelltes Feld vor; Franz Liszt wurde zum Fürsprecher, die Weimarer Aufführung des „Benvenuto Cellini“ in einer gestrafften deutschen Fassung geriet zum Erfolg. Der 1843 verfasste „Traité dʼinstrumentation“ erschien noch im selben Jahr in zwei unterschiedlichen deutschen Übersetzungen. Der enorme Einfluss des theoretischen Werks auf Richard Strauss ist bekannt. 1853 erhielt Berlioz den Auftrag zur Opéra comique „Béatrice et Bénédict“ für das neue Theater in Baden-Baden; 1856 nahm in Weimar die Idee zu seiner großen Vergil-Oper „Les Troyens“ Gestalt an. Ihr zweiter Teil, „Les Troyens à Carthage“, bescherte Berlioz 1858 schlussendlich auch in Paris Anerkennung.

Das Jubiläumsjahr 2019 wird hoffentlich Gelegenheit geben, Berliozʼ Werke, auch die weniger bekannten, wieder stärker in den Fokus zu rücken und manche musikalische Perle (neu) zu entdecken. Die bei Bärenreiter erschienene „Neue Berlioz-Ausgabe“ enthält sie alle.

Gudula Schütz

74,00 €

17,50 €

14,50 €

28,95 €