Schubert als Gradmesser. Im Gespräch: Christoph Prégardien

Christoph Prégardien zählt zu den bedeutendsten lyrischen Tenören unserer Zeit. Ganz besonders geschätzt wird sein Schaffen als Liedsänger. Eine feste Größe in seinen Konzerten und im Unterricht an der Musikhochschule Köln ist der Kosmos der Lieder Franz Schuberts. „Christoph Prégardien vollbringt wahre Wunderdinge, und wer einmal seine verzehrende, absolut intonationsreine Deutung von Schuberts ,Nacht und Träume‘ gehört hat, wird nicht mehr widerstehen können“, schrieb einmal das „Fono Forum“. Claudia Mücke hat ein längeres Gespräch mit Prégardien geführt – über das Singen von Kunstliedern, über den Gesangsunterricht, über die Wichtigkeit von Editionen und natürlich über das Genie Franz Schuberts. (Foto: Hans Morren)

Welche Bedeutung hat für Sie Franz Schubert als Liedkomponist?

Prégardien: Schuberts Lieder haben mich von der ersten Gesangsstunde bei Professor Martin Gründler an der Frankfurter Musikhochschule begleitet. Ich kam ja mit einem eher kirchenmusikalischen bzw. chorischen Hintergrund zum Gesangsstudium, und so eröffnete sich mir binnen kurzem eine für mich völlig neue Welt der Textvertonung. Ich war fasziniert von der Vielfalt und Tiefe der romantischen Poesie und deren Umsetzung in Musik. Franz Schubert war dabei für mich von Anfang an der Gradmesser, weil ich mich beim Hören seiner Lieder unmittelbar in die entsprechende seelische Situation hineinversetzt fühlte.
Schubert hat die Liedkomposition so verändert, dass er dem Klavierpart eine wesentlich wichtigere Bedeutung einräumte als Komponisten vor ihm: einerseits also Gleichrangigkeit von Singstimme und Klavier, andererseits Komplexität.

Was sind die Herausforderungen an den Sänger, der dieses Repertoire einstudiert?

Ich frage mich immer, warum so wenige junge Sängerinnen und Sänger Schubert singen, warum sie ihm aus dem Weg zu gehen scheinen. Das liegt vielleicht daran, dass Schubert an einer Grenze zwischen klassischer und romantischer Komposition steht. Das heißt, dass in seiner Melodieführung durchaus noch klassische und auch barocke Elemente enthalten sind, was vom Sänger erfordert, dass die Stimme im Vergleich zu späteren Komponisten sehr beweglich geführt ist. Ein auffälliger Gegenpart wäre da Robert Schumann. Seine Lieder sind viel kantabler komponiert, sie lassen sich für unerfahrene und jüngere Sänger leichter bewältigen als Schuberts Lieder. Nicht umsonst sagen viele Opernsänger: „Wenn ich wissen will, ob meine Stimme noch gut funktioniert, gehe ich zurück zu Mozart.“ Mozart ist für die Opernsänger der Meilenstein, weil die Stimme noch sehr instrumental geführt werden muss. Man kann also nicht im Klang baden, sondern muss sehr gut artikulieren. Das ist bei Schubert sehr ähnlich, wenn man ihn mit späteren Komponisten vergleicht.

Sie sind nicht nur Sänger, sondern unterrichten auch. Welchen Stellenwert haben Schuberts Lieder heute im Gesangsunterricht?

Das Lied hat bei uns – ich kann jetzt natürlich vor allem für die Kölner Hochschule sprechen – einen sehr hohen Stellenwert. Wir versuchen alle Bereiche des Gesangs – Oratorium, Oper und Lied – gleichrangig zu behandeln. Auf der einen Seite soll das den Studierenden im Laufe ihres Studiums zu einem breiten Repertoire verhelfen. Auf der anderen Seite sollen sie technisch in der Lage sein, von Kammermusik bis zu großer Oper alles singen zu können. Natürlich mit der gleichen Gesangstechnik, aber mit einer anderen Herangehensweise. Wer in einem Kammermusiksaal mit 200 oder 300 Plätzen singt, gebraucht seine Stimme natürlich anders als in einem großen Opernhaus mit 1.500 Plätzen. Zudem muss heutzutage ein junger Sänger oder eine junge Sängerin sehr breit aufgestellt sein, um den Lebensunterhalt damit verdienen zu können, da die Konkurrenzsituation sehr schwierig ist. Der europäische, gerade der mitteleuropäische oder deutschsprachige Markt ist weltweit das Ziel vieler junger Sängerinnen und Sänger. Dank unseres reichen kulturellen Lebens gibt es hier sehr viele Auftritts- und Entfaltungsmöglichkeiten. Das hat in den letzten 40 bis 50 Jahren dazu geführt, dass die Konkurrenz aus der ganzen Welt hierherkommt, mit der sich unsere jungen Sängerinnen und Sänger messen müssen.

Schuberts Lieder sind schon aus den oben beschriebenen Gründen wichtig für den Gesangsunterricht. Ein anderer Aspekt ist, dass man aus mehr als 600 Liedern verschiedener Schwierigkeitsstufen auswählen kann. Es gibt vieles, das auch von jungen Sängern in den ersten Semestern gut bewältigt werden kann. Trotzdem ist man durch die klassisch-instrumentale Kompositionsweise bei Schubert technisch und interpretatorisch nie unterfordert. Der wohldosierte Einsatz der stimmlichen Ressourcen und das Entwickeln eines textorientierten bruchlosen Legatos lassen sich vor allem an Bachs, Mozarts und Schuberts Werken exemplarisch studieren. Die hier erlernten Grundlagen sind dann eine wichtige Basis für die Bewältigung jüngerer Gesangsliteratur.

Wie wichtig ist ein zuverlässiger Notentext für Ihre Arbeit als Sänger und Pädagoge?

Mir persönlich ist es sehr wichtig, einen wissenschaftlich aktuellen Notentext zur Verfügung zu haben. Viele Ausgaben älterer Komponisten stammen ja noch aus dem frühen 20. Jahrhundert, werden aber weiter benutzt, obwohl es inzwischen Editionen gibt, die auf neuerem Stand sind. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war das, was die Komponisten aufschrieben, nicht so detailliert wie in späterer Zeit und lässt uns von daher einen großen Spielraum in der Interpretation des Geschriebenen. Jede Edition ist gleichzeitig eine Interpretation des Autographs – insofern dieses noch vorhanden ist – und sollte dementsprechend mit wachem Blick benutzt werden. Zusätzlich zu einer aktuellen Ausgabe schaue ich mir soweit möglich auch die Autographen und eventuell auch die Erstausgaben an. Schon in diesem zeitlich überschaubaren Rahmen kann man erstaunliche Unterschiede zwischen den Quellen erkennen. Dieses Wissen um die Wichtigkeit des Notentextes gebe ich auch an meine Studierenden weiter und versuche, bei ihnen Interesse und Neugier zu wecken.

Im Falle von Franz Schubert sind wir in der glücklichen Lage, mit den neuen Ausgaben bei Bärenreiter einerseits über eine wissenschaftlich fundierte Edition und andererseits über eine neue praktische Ausgabe zu verfügen. In Walther Dürr hatte Bärenreiter einen der besten Schubert-Forscher und Kenner seiner Handschrift und Notationsweise gewinnen können. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich über so viele Jahre mit ihm zusammenarbeiten konnte. Sein plötzlicher Tod Anfang 2018 ist auch ein großer menschlicher Verlust.

Die Schubert-Lieder bei Bärenreiter erscheinen jeweils für hohe, mittlere und tiefe Stimme. Wie wichtig ist eine sorgfältige Auswahl der Transponierungen?

Das ist ein schwieriges Thema. Es gibt verschiedene Aspekte. Zyklen wie zum Beispiel die „Dichterliebe“ von Robert Schumann können eigentlich nur in den originalen Tonartenverhältnissen wirklich adäquat aufgeführt werden. Wenn man ein Lied daraus transponiert, indem man es zum Beispiel in die Baritonlage verlegt, verändert man die Gesamtstruktur der Komposition, und man bekommt die Anschlüsse nicht so hin, wie sie von Schumann gewollt sind. Der Tonartenplan und die Abfolge der Lieder in der „Dichterliebe“ sind genau durchdacht. Ähnlich ist das bei Beethovens „An die ferne Geliebte“ und Franz Schuberts „Die Schöne Müllerin“ und „Winterreise“.

Der Hintergrund von Transpositionen ist aber natürlich, dass junge Sänger und Sängerinnen aller Stimmgattungen die Möglichkeit haben sollen, diese Lieder überhaupt zu singen. Deshalb muss ein Verlag gut überlegen, welche Tonarten er anbietet. Wir haben uns bei der Bärenreiter-Ausgabe dafür entschieden, einerseits darauf Rücksicht zu nehmen, welche Tonarten schon in anderen Editionen erhältlich sind, und so zu versuchen, weitere Möglichkeiten zu schaffen und dabei möglichst nah an Schuberts originalen Tonarten zu bleiben, denn er wählt ja bewusst eine Tonart für ein Lied – seine Wahl ist durchaus programmatisch. Wenn man ein Lied in zu entfernte Tonarten transponiert, kommt man in Schwierigkeiten. Ein gutes Beispiel ist „Die Schöne Müllerin“. Sie liegt im Klavierpart in der hohen, also in der Originallage, sehr tief, und wenn das dann nach unten transponiert wird, klingt plötzlich der Flügel nicht mehr schön.

Bei den Zyklen, bei denen man genau weiß, wie Schubert sie wollte, haben wir entschieden, alle Lieder des Zyklus im selben Intervall zu transponieren und somit die Tonartenverhältnisse zwischen den einzelnen Liedern beizubehalten. Bei der „Winterreise“ bedeutet das beispielsweise, dass die mittlere Ausgabe durchgängig um eine große Sekunde nach unten transponiert wurde. Andere Verlage haben das anders gehandhabt. Man sagte dort: Ein Bariton, Bass oder Mezzosopran kann nur bis dahin singen, und deshalb entfernen wir die Transposition weiter von der Originaltonart. Für die Bärenreiter-Ausgabe haben wir versucht, Kompromisse zu finden. Darüber kann man sicher diskutieren, aber ich glaube, man muss möglichst vielen Interessen gerecht werden. Ich bin sehr froh, dass wir irgendwann alle Lieder von Schubert in drei oder sogar vier verschiedenen Tonarten vorliegen haben werden, so dass man als Lehrer an der Hochschule wirklich die Möglichkeit hat, sehr individuell auf die Studierenden einzugehen.
Wenn die neue praktische Ausgabe der Lieder dann in einigen Jahren fertiggestellt sein wird, haben Sängerinnen und Sänger die Möglichkeit, aus einem Fundus von mehr als 600 Liedern sozusagen maßgeschneidert auswählen zu können. Vielleicht führt das dann auch dazu, dass man nicht immer nur die gleichen 50 bis 100 Lieder von Franz Schubert auf den Konzertpodien hört.

Sie erwähnten bereits die Bedeutung des Klaviers in Schuberts Liedern. Es gibt ja große Unterschiede zwischen dem modernen Klavier und den Instrumenten zu Schuberts Zeiten. Welchen Herausforderungen muss sich denn ein Pianist heute stellen?

Bei der Aufführung von Liedrepertoire aus dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert muss man sich vor Augen führen, dass das originale Hammerklavier aufgrund seiner Bauart sehr anders klang als ein moderner Konzertflügel. Und natürlich haben u. a. Mozart, Beethoven, Schubert und Schumann für genau dieses Instrument komponiert und den Notentext dementsprechend verfasst. Diese Problematik diskutieren wir in der Arbeit mit den Pianisten eigentlich ständig. Es geht hier nicht nur um Fragen der Klangbalance oder -ästhetik, sondern zum Beispiel auch um den Gebrauch des Pedals. Beim Hammerklavier klingen die Basstöne nicht so profund und lang wie beim modernen Klavier.
Dank der Originalklangbewegung ist inzwischen das Bewusstsein um diese Dinge bei der neuen Pianistengeneration deutlich stärker ausgeprägt. Auch gibt es immer mehr restaurierte originale Instrumente oder hervorragende Kopien, so dass man die Unterschiede zum modernen Klavier sehr leicht erfahrbar machen kann.

Gibt es ein Schubert-Lied, das für Sie eine besondere Bedeutung hat?

Ja, es gibt viele, die ich sehr liebe, aber die Favoriten ändern sich immer mal wieder. Es gibt allerdings ein Lied, das ich früh schon im Unterricht bei Professor Martin Gründler in Frankfurt gesungen habe, weil es sehr hohe Ansprüche an die Phrasierung und an den Atembogen stellt und sich von daher im Unterricht zur Übung anbietet. Es ist „Nacht und Träume“ auf einen Text von Matthäus von Collin. Dieses Lied liebe ich sehr, und es kommt immer wieder in meinen Programmen vor. Es eignet sich auch wunderbar als letzte Zugabe nach einem Liederabend. Bei den über 600 Schubert-Liedern gibt es aber bestimmt 20 bis 25, die ich besonders gerne singe. Es gibt nur sehr wenige, die ich eigentlich nicht mehr singen möchte, weil ich sie nicht mag oder gut finde. Es ist ein wirkliches Wunder, wie hoch das Niveau seiner Lieder und auch die Auswahl seiner Texte ist, wenn man bedenkt, in welch kurzer Zeit er sie geschrieben hat.

Christoph Prégardien ist einer der bedeutendsten lyrischen Tenöre, ganz besonders geschätzt ist sein Wirken als Liedsänger. Sehr am Herzen liegt ihm auch die intensive pädagogische Arbeit. Neben seiner Konzerttätigkeit lehrt er als Professor an der Musikhochschule Köln und gibt weltweit Meisterkurse. Seit 2012 ist er auch regelmäßig als Dirigent zu erleben. Mit dem Bärenreiter-Verlag verbindet ihn eine langjährige enge Zusammenarbeit bei der auf 13 Bände angelegten praktischen Ausgabe sämtlicher Schubert-Lieder für eine Singstimme und Klavier. Von Band zu Band erarbeitet er zusammen mit der Redaktion der „Neuen Schubert-Ausgabe“ und dem Verlag die Transponierungen, damit sämtliche Bände für hohe, mittlere und tiefe Stimme erscheinen können. 2005 erschien – basierend auf den Liedbänden der „Neuen Schubert-Ausgabe“ – der erste Band der praktischen Ausgabe. Sie berücksichtigt neben allen autorisierten Quellen auch Aufführungsvarianten, die aus dem Umkreis Schuberts überliefert sind und eine Vorstellung von der zeitgenössischen Aufführungspraxis vermitteln. 2018 ist der neunte Band mit Liedern vom Frühjahr und Sommer 1816 erschienen.

Schubert-Lieder bei Bärenreiter, Bandübersicht