Camille Saint-Saëns – Gedenkjahr 2021

Camille Saint-Saëns: geboren am 9. Oktober 1835 in Paris, achteinhalb Jahre nach dem Tod Ludwig van Beethovens – gestorben am 16. Dezember 1921 in Algier, achteinhalb Jahre nach der Uraufführung von Igor Strawinskys „Le Sacre du printemps“. Ein kompositorisches Œuvre, das rund 700 Werke in allen Gattungen umfasst: Es dürfte wohl kaum einen anderen bedeutenden Komponisten geben, dessen Schaffen sich über einen ähnlich langen Zeitraum erstreckt und eine vergleichbare Vielfalt aufzuweisen hat.

Doch dieses lange und schöpferische Leben überschattete seinen Nachruhm: Die Zeit schien über Saint-Saëns hinweggegangen zu sein. „Sie loben die Schönheit, Klarheit und Aufrichtigkeit meiner Sprache und meiner Gedanken“, schrieb er 1910 an Romain Rolland – „was will ich mehr? Die Zukunft zu sein, und nicht die Vergangenheit? Ich bin die Zukunft gewesen; in meinen Anfängen wurde ich als Revolutionär apostrophiert – in meinem Alter kann ich nur noch ein Vorfahre sein.“ Auch wenn sich viele seiner Werke – allen voran der „Karneval der Tiere“ – dauerhaft im Musikleben behaupteten, galt Saint-Saëns lange – sogar in seiner Heimat Frankreich – als Randfigur der Musikgeschichte. In den letzten 10, 20 Jahren jedoch hat sich dieses Bild nachhaltig geändert: Heute – im 100. Gedenkjahr seines Todes – zweifelt niemand mehr daran, dass Camille Saint-Saëns einer der großen Komponisten seiner Zeit war.

Mehr denn je wird seine Musik aufgeführt und aufgenommen, und mit jeder ›Wiederentdeckung‹ zeigen sich ihr Reichtum und ihre Originalität: die erste Filmmusik, der erste Tango, das erste Werk für Saxophon-Quartett, die Erweiterung des Orchesters um Xylophon und Celesta – ein Eklektizist? Mitnichten: Tatsächlich war Saint-Saëns nicht nur in seinen Anfängen ein „Revolutionär“, sondern er hat auch Maurice Ravel oder die Groupe des Six inspiriert. Und noch etwas tritt heute deutlicher denn je zutage: Saint-Saëns war – ähnlich wie sein Mentor und Freund Franz Liszt – ein echter Europäer, der stets über nationale Grenzen hinweggeblickt und gewirkt hat. Kein Wunder also, dass seine Musik heute weltweit fest im Repertoire verankert ist – auch dank der Edition seiner „Œuvres in-strumentales complètes“ (in 39 Bänden), der Oper „Samson et Dalila“ und einiger wichtiger Kirchenmusik-Werke. Wer immer sich mit ihm befasst, wird sich der „Schönheit, Klarheit und Aufrichtigkeit“ seiner Kunst nicht entziehen können.


Michael Stegemann