Hans-Joachim Hinrichsen: Beethovens Klaviersonaten

Carl Schlösser: Beethoven in seinem Heim (ca. 1811)

Die Arbeit an den 32 Klaviersonaten, die Ludwig van Beethoven zwischen 1796 und 1823 veröffentlicht hat, umspannt fast sein gesamtes Wiener Komponistenleben, und auch schon vorher in Bonn hatte der noch fast kindliche Komponist drei erstaunlich originelle Sonaten ohne Opuszahlen publiziert. Keine andere Gattung seines Œuvres lässt also einen so repräsentativen Überblick über seine Entwicklung und keinen so tiefen Einblick in seine Werkstatt zu. Es findet sich unter ihnen nicht ein einziges schwaches oder unbedeutendes Werk, und so ist es kein Wunder, dass Beethovens Sonaten bis heute zum unverzichtbaren Kern jeglicher musikhistorischer Bildung, aller solistischen Konzertprogrammierung und jeder pianistischen Ausbildung gehören. Mit ihnen hat der jung nach Wien gekommene Beethoven nach Absolvierung seiner Ausbildung bei Haydn und Albrechtsberger seine öffentliche Komponistenkarriere geradezu programmatisch begonnen, denn als einer der besten und interessantesten Pianisten seiner Zeit konnte er sie sich förmlich auf den Leib schreiben und sich damit in einem ihm bestens vertrauten Gebiet bewegen. An die durch Haydn und Mozart zu höchstem Rang erhobenen Gattungen des Streichquartetts und der Sinfonie hingegen wagte er sich, klug seine Möglichkeiten abwägend, erst Jahre später, um sie dann allerdings ebenfalls rasch in eine nachgerade kanonische Form zu bringen.

Keine andere Gattung also pflegte Beethoven so früh, so kontinuierlich, so lange und so vielfältig wie die Klaviersonate. Ihre herausgehobene Stellung sowohl in Beethovens Gesamtwerk selbst wie auch im Kontext der Klaviermusik überhaupt hat den stets zu Bonmots neigenden großen Pianisten Hans von Bülow dazu veranlasst, sie mit einem sehr ernst gemeinten Scherz als das „Neue Testament der Klavierspieler“ zu bezeichnen, dem höchstens Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ als das „Alte Testament“ gegenüberstehe. Mit Klaviermusik – vor allem eben den Sonaten – eroberte sich der jugendliche Komponist schnell eine enthusiastische Anhängerschaft unter den vermögenden jungen Aristokraten Wiens, die zu seinen wichtigsten Unterstützern zählten und in ihren Salonzusammenkünften ihrerseits vom Renommee des jungen Genies profitierten. Beethoven konnte hier also in aller Konsequenz ästhetische und stilistische Grenzen ausloten. Im Fortgang seiner Entwicklung kündigten sich die bis heute viel diskutierten Stilwandlungen – vom rebellischen Gestus des jugendlichen Genies über den auftrumpfenden Habitus des sogenannten heroischen Stils bis hin zu den rätselhaft schwierigen Spätwerken – stets zuerst auf dem Gebiet der Klaviersonate an und wurden erst dann auch in anderen Gattungen weitergedacht. Man kann insofern also die Klaviersonate ohne Übertreibung als Beethovens experimentelle Sonde bei der Erkundung immer neuer Möglichkeiten und somit als das Leitmedium seines musikalischen Denkens überhaupt bezeichnen.

Dass Beethovens Klaviersonaten von Anfang an als anspruchsvolle Gattung für den gebildeten Adelssalon konzipiert worden waren und auch später, als der Freundes- und Bekanntenkreis des Komponisten sich zunehmend zum Bürgerlichen hin erweiterte, stets eine exklusive Musik für kleine Kreise von Kennern blieben, macht man sich kaum noch richtig klar, weil sie heute in Verbindung mit den Namen großer Pianisten riesigste Konzertsäle zu füllen vermögen. Sie gehören, obwohl sie diese Verpflanzung aus der ihnen zugedachten intimen Salon-Rezeption mühelos ausgehalten haben, eigentlich nicht dorthin, denn sie verlangen ein sorgfältiges, genaues und geduldiges Studium, das diejenigen, die solches zu investieren bereit sind, mit immer neuen und sich stets auf überraschende Weise erweiternden Einsichten belohnt.

Zu diesen Einsichten wird auf jeden Fall gehören, dass der schon früh etablierte und bis heute durchaus von vielen Musikliebhabern favorisierte Kern der berühmtesten Beethoven-Sonaten (die man gut an ihren populären Beinamen erkennt) wie der „Pathétique“, der „Mondscheinsonate“, der „Appassionata“ oder der „Waldsteinsonate“, aber auch der legendären „letzten fünf“ einer gewissen Einseitigkeit Vorschub leistet, indem die Konzentration auf sie ein Beethoven-Bild fixiert, das von idealistischer Leidenschaft, tragisch-sittlichem Ernst und heroisch-pathetischem Durchhaltewillen geprägt zu sein scheint. Keineswegs zwar völlig unberechtigt, darf doch dieses Bild, wenn man auch die unbekannteren (jedoch nicht unbedeutenderen) Werke zur Kenntnis nimmt, ergänzt werden um die Züge des Innigen, des Zärtlichen, des Tiefsinnigen, des Schalkhaften und des Humoristischen, um nur einige von ihnen zu nennen. Als Gesamtkonvolut bieten Beethovens Klaviersonaten ein Spektrum von Themen, Affekten, Gefühlen, Bildern, Problemen und Gedanken, die sich sozusagen auf Augenhöhe mit der gesamten Dichtung und Philosophie seiner Zeit befinden. Als solche Erscheinungen, wobei sie freilich reine Musik bleiben und nicht etwa klingende Theorie darstellen, sind sie unbedingt ernst zu nehmen, und als solche beschäftigen sie ein Bemühen um angemessenes Verstehen nicht nur bis heute, sondern werden das wohl auch noch für lange Zeit weiterhin tun. Jedenfalls für jeden, der zu hören, zu denken, zu fühlen und zu lesen vermag.

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