Beethovens Handschrift entziffern

Bärenreiter-Herausgeber Jonathan Del Mar über die Arbeit an Beethovens Autographen

„Beethoven hatte eine fürchterliche Klaue, nicht wahr? – Ich weiß nicht, wie jemand die lesen kann!“ Wie oft habe ich diese Klage in Bezug auf einen der größten jemals existierenden Komponisten gehört! Freilich, viele großartige Werke wurden ungeachtet der wahrhaft schrecklichen Handschrift geschaffen; Tippett zum Beispiel hätte auf die Frage „Michael, soll das hier ein F oder ein G sein?“ typischerweise geantwortet: „Oh, keine Ahnung, Liebes, nimm, was Du am besten findest.“ Meiner Meinung nach hatte Janáček die schlimmste Handschrift aller Zeiten, aber Janáček-Forscher würden wohl ihr Kultobjekt genauso verteidigen wie ich Beethoven.

Beethoven war nämlich eigentlich unglaublich sorgfältig, systematisch und gewissenhaft. Alles, was für eine richtige Entzifferung seiner Handschrift nötig ist, sind Zeit, Geduld und eine Lupe. Hat man diese drei, dann werden Sie merken, dass alles absolut präzise ist; jedes Detail bis hin zum letzten Vorzeichen und Staccato ist festgelegt. Beethoven war bezüglich jeder noch so winzigen Angabe geradezu obsessiv und sandte wegen Kleinigkeiten Korrekturlisten an die Verleger. Er hätte gesagt: Was macht es schon aus, wenn Sie das Manuskript vor sich haben und es schlampig aussieht? Es ist nur wichtig, dass alles da ist, richtig und lesbar. Und das ist es. Beethovens Autographe sind ein Wunder an kreativer Inspiration und systematischer Gestaltung. Man kann darin sowohl die glühende Hitze als auch die Kühle von Beethovens Temperament erkennen – kalkulierte Pingeligkeit von jemandem, der beschlossen hat, dass es keinen einzigen Fehler in den gedruckten Noten geben darf. Denn in der Tat: Wenn das fertige Produkt auf seinem Tisch lag, er es aufschlug und sogleich einen Fehler fand, konnte er zornig werden, sich unverzüglich an den Verleger wenden und darauf bestehen, dass die Ausgabe zurückgezogen oder zumindest jedes Exemplar mit Tusche korrigiert wird, bevor es in den Verkauf geht.

Mit Beethoven in Berührung kam ich erstmals durch meinen Vater, den Dirigenten Norman Del Mar. „Warum Beethoven?“, werde ich oft gefragt. Einfache Antwort: Für Dirigenten beginnt alles mit Beethoven. Die Beethoven-Symphonien sind das ABC der Orchesterliteratur. In der ersten Unterrichtsstunde im Jahr, die mein Vater in der Dirigierklasse abhielt, pflegten alle neuen Studenten im Kreis zu sitzen, und mein Vater forderte den ersten auf: Singen Sie mir den Beginn von Beethoven 1 vor. Und jetzt Sie, den 2. Satz. Und so ging es weiter im Kreis herum. Wenn Beethovens Symphonien durch waren, ging es mit Brahms weiter – und so wurden die Schafe (jene künftigen Dirigenten, die ihr Repertoire kannten) gänzlich von den Ziegen getrennt. Wenn ich mit ihm Fehler in Orchesterpartituren suchte, dann begannen wir immer mit Beethoven. Da es 1984 noch keine zuverlässige Ausgabe der Beethoven-Symphonien gab, konnten wir auch gleich mit der Korrektur beginnen! Außerdem besaß er eines der seltenen Exemplare des 1924 erschienenen Faksimiles der Neunten, in das wir uns für gewöhnlich gemeinsam vertieften.

Wenn Sie die originale Handschrift benutzen können und haben eine Woche Zeit und eine Lupe, dann gibt es eigentlich keine Probleme. Allerdings wird es zunehmend schwierig, Zugang zu den Autographen zu bekommen! Und Kopien sind tückisch: Sie zeigen einem fast alles und vermitteln eine gute Vorstellung davon, was der Komponist ungefähr geschrieben hat, aber wenn man jedes einzelne Detail braucht, sind sie nie zu 100 Prozent vertrauenswürdig. Selbst der beste hochauflösende Scan ist nicht in der Lage, die naturgegebene Dreidimensionalität eines Papierlochs abzubilden; in einer seriösen Ausgabe der Sonata „Pastorale“ (op. 28) erscheint ein solches als Staccato-Zeichen. Schöne Farbkopien sind gleichermaßen trügerisch: Als ich dachte, die Cello-Variationen WoO 46 für den Druck fertigzuhaben, und noch einen letzten Abgleich aller Noten, Punkte und Bögen mit dem Originalmanuskript vornahm, fand ich heraus, dass der vermeintlich einfach punktierte Rhythmus (punktierte Achtel und Sechzehntel) tatsächlich doppelpunktiert war – sowohl der zweite Punkt als auch das zweite Fähnchen waren aufgrund einer relativ dunklen Notenlinie nicht zu erkennen gewesen. Alle anderen Ausgaben, selbst „Urtext“-Editionen, geben diesen Takt bis heute falsch wieder.

Noch skurriler war es bei der Cellosonate op. 102 Nr. 2. Ich hatte mit Mikrofilmkopien gearbeitet und meinen Text fertiggestellt. Als ich alles noch einmal gegen das Original in Berlin las, wurde ich knallhart belehrt: Das ist kein F, sondern ein E! Wie konnte ich mich so vertan haben? Ich hatte meine Kopien dabei, schaute hin und her, von E nach F und wieder nach E – beides war glasklar: das F in der Kopie auf Mitte der Linie, das E in der Handschrift exakt zentriert im Zwischenraum. Gespenstisch.
Die einzige daraus zu ziehende Lehre, ist, dass man eine zuverlässige Ausgabe zwingend anhand der originalen Handschrift erarbeitet.

Jonathan Del Mar
(zusammengestellt von Petra Woodfull-Harris)