Thomas Daniel Schlee: „und ich sah“

Oratorium op. 55 (2002/03)

Indem Otto Kargl mich um die Komposition eines Oratoriums mit thematischem Bezug auf Herbert Boeckls Apokalypse-Fresken in der Engelkapelle der Abteikirche Seckau bat, schloß sich in ebenso überraschender wie wunderbarer Weise ein weiterer Kreis in meinem Leben; hatte doch mein Vater, dem großen Maler freundschaftlich verbunden, diesen mehrmals in Seckau besucht, als er bei der Arbeit an jenem Werk war, das als sein künstlerisches Vermächtnis angesehen werden kann.

Dennoch sprachen für mich mehrere Gründe gegen eine Vertonung der Offenbarung des Johannes: Übermächtig erschien mir das Vorbild der Meisterwerke von Franz Schmidt und Jean Françaix, deren große Orchesterbesetzung zudem der Flut der Bilder eine angemessene klangliche Vielfalt zur Seite stellen konnte, während ich vor der schwierigen Aufgabe stand, ein umfangreiches Werk mit relativ bescheidenen Mitteln zu gestalten. Auch erinnerte ich mich der Mahnung des Sehers, daß „Gott dem, der etwas wegnimmt von den prophetischen Worten dieses Buches, seinen Anteil am Baum des Lebens und an der heiligen Stadt“ entziehen werde (Offenbarung 22,19). Den kompletten Text der Offenbarung Johannis zu vertonen, würde aber musikalisch sinnvolle Proportionen sprengen.

Daher also: nicht diesen Text als ganzen. Vielmehr habe ich eine beziehungsreich gekreuzte, kontrastierte und sich ergänzende Auswahl von Texten aus dem Alten und Neuen Testament getroffen, denen allen der eigentliche Sinn des Wortes „Apokalypse“, nämlich des Schauens und Erkennens, zugrunde liegt; daher der Titel „und ich sah“.

Das 2002/03 komponierte Oratorium beginnt in sanfter Schlichtheit: Schola und Männerstimmen des Chores singen a cappella und in nahe aufeinander bezogenen Linien das Zeugnis des erlebten Heils (1. Johannesbrief 1, 1-4). Mit dem attacca anschließenden zweiten Satz (Chor und große Orgel) bricht unvermittelt die geradezu surreale Vision von der Herrlichkeit des Herrn herein, erhaben und schrecklich zugleich (Ezechiel 1, 4-28).

Die Treue von Gottes Wort erhebt sich sodann, im kurzen dritten Satz, in den Melismen des von der Chororgel begleiteten Solo-Soprans; ihr entspricht das schöne Bild vom Mandelzweig (Jeremia 1, 11-12). Für die schuldhafte Verweigerung der Treue Gottes aber wird im Sinnbild des Volkes Israel die Menschheit mit der Unfähigkeit zu begreifen bestraft (Jesaja 6, 8-12). Im Laufe des erschütternden Dialoges zwischen dem Herrn (Chor, große Orgel) und Jesaja (Schola/Tenor solo, Chororgel) treten im vierten Satz Dunkelheit und Einsamkeit in das Geschehen.

Die anschließende Chaconne (fünfter Satz: Bariton solo, Trompete, Chororgel) beschreibt die Hoffnungslosigkeit und Vergänglichkeit, in der der solcherart sich selbst überlassene Mensch verharrt (Kohelet 2, 12-23).

Die Tröstung durch die Botschaft des Neuen Testamentes ist im sechsten Satz in zwei auf das Kommen Christi in die Welt bezogenen Texten ausgedrückt: Solo-Sopran (Lukas 10, 23-24) und Schola (1. Timotheusbrief 3, 16) steigern hier die Freude, die schon im ersten Satz verhalten angeklungen war.

Im siebenten Satz treten wir nun in die Offenbarung des Johannes ein (14, 6-13): Trompete, Posaune, Chor und große Orgel künden vom Jüngsten Gericht, vom Fall Babylons. Anders als bei Kohelet aber sind die Werke derer, die im Herrn gestorben sind, nicht verloren – sie folgen ihnen nach (Orgel solo-Nachspiel).

Der intime achte Satz (drei Solo-Männerstimmen und Chororgel) stellt eine stille Parenthese der Gegenwart Christi in der Eucharistie als gelebte und lebendige Erinnerung dar, wie sie gleichnishaft in der berührenden Emmaus-Szene geschildert wird (Lukas 24, 28-31).

Der neunte und letzte Satz vereint schließlich alle Ausführenden im getragenen, hymnischen Gesang vom himmlischen Jerusalem (Offenbarung des Johannes 21, 1-4 und 22,20).

Thomas Daniel Schlee