Über Rudolf Kelterborn (Kopie 1)

[Translate to english:] „Kelterborns Musik ist eine kommunikative Musik, eine, die gehört werden will, und zwar nicht nur im kleinen Zirkel der Neue-Musik-Spezialisten: kaum zufällig zieht Kelterborn ›gemischte‹ Konzertprogramme den rein zeitgenössischen vor. Seine Tonsprache ist dicht, oft stürmisch, selbst in der Ruhe nie passiv; und sie wird, das haben zahlreiche Kritiker festgestellt, mit den Jahren zunehmend risikofreudiger, fantasievoller und ‚undomestizierter‘. Immer wieder nimmt sie unerwartete Wendungen und findet damit zu eigenen, unverbrauchten Formen: Etwa, wenn im Nachtstück mit Coda (Aus den Klavierstücken 1-6, 2005) eine finstere Musik unvermutet in einen lichten, geradezu ekstatischen Schlussteil umschlägt. Solche Überraschungen gehören zu Kelterborns Werken, und manchmal lässt er sich von der Entwicklung eines Stückes auch selbst überraschen. So wusste er etwa lange nicht, welchen Schluss er seinem Namenlos (1996) geben sollte; schliesslich kam er auf die Idee, das Stück für grosses Ensemble und Elektronik mit einem vokalen Satz nach Petrarcas Sonett ‚Or che’l ciel e la terra‘ zu beenden. ‚Vegghio, penso, ardo‘ lautet die letzte Zeile; er übersetzte sie frei als ‚wache ich und denke, glühe ich‘.
In Kelterborns Arbeit verbinden sich das Denken und das Glühen, die intellektuelle und die emotionale Wachheit tatsächlich in gleichberechtigter Weise.“

Susanne Kübler, 2006