Gesprungene Glocken

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Matthias Pintscher: Gesprungene Glocken

Seit gut 170 Jahren werden der Fall Woyzeck und die tragischen Umstände seiner Destruktion und die Vernichtung durch die Justizmaschinerie (Woyzecks Körper erwartet nach der Herabsetzung auf die unterste Stufe ethischer Wertbegriffe eine Verwertung auf dem anatomischen Theater!) immer wieder zum Gegenstand psychoanalytischer Phänomenalisierung und verschiedenster Formen künstlerischer Auseinandersetzung.

Die Faszination, welche von der Büchnerschen Dramatisierung des authentischen Schicksalfalles Johann Christian Woyzecks (gest. 1824 zu Leipzig) ausgeht, ist ungebrochen und stark - Büchners Worte treffen, sind in ihrer konzentrierten Objektivität und Personenzeichnung von geradezu bedrückender Intensität

Mir war von Anfang an klar, dass es unmöglich ist, die Geschichte Woyzecks noch einmal zu erzählen.

Ich beschloss, einen Ansatz zu wählen, in dem ich mich der Person Woyzeck vielmehr von außen nähern konnte, anstatt einen heuen Versuch zu machen, die hilflose und verirrte Kreatur Woyzeck den Delinquenten Woyzeck – durch die Sprachgerüste des authentischen Prozess-Gutachtens in Form eines subjektiv verfertigten, psychoanalytischen Abrisses diskriminiert (erstellt von Dr. J.C.A. Carus 1821 zu Leipzig) –, das Subjekt in der Musik sprechen zu lassen oder disparate Ausdrucksgestalten in der Musik zu illustrieren. Ich wählte eine mehrteilige Rasterform, die schnittartig verschiedene Atmosphären zeichnet, welche jeweils durch ein Motto oder durch Texte bestimmt werden, die in unterschiedlichen Beziehungen zur Woyzeck-Thematik stehen.

Beispielhaft für diese Arbeitsweise mag die Wahl des Übertitels Gesprungene Glocken stehen: Diese fragmentarische Wendung (dem Dialog der zwei vorübereilenden und die Unwirklichkeit der Szene beschreibenden Passanten am Teich entnommen) wirkt in ihrem Herausgelöstsein als assoziative Metaphorik.

Das 16 Musiker umfassende Ensemble setzt sich vorwiegend aus Instrumenten mit dunkler Klangfärbung zusammen; das Hervorbringen von Dis-Konturen, welche das natürliche Klangrepertoire der Instrumente nicht beinhaltet, erhält in seiner Brüchigkeit die Irrealität einer Situation und steigert das Wahrnehmungsverhalten für energetische Aktionen im Ensembleklang.

Matthias Pintscher

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