With lilies white

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Matthias Pintscher: with lilies white

In der Komposition with lilies white treffen zwei verschiedene Totenklagen aufeinander, wobei jede jeweils für eine Epoche steht, die weit auseinander liegen: die Renaissance und die Gegenwart.

Ein Lied für Stimme und vier Gamben von William Byrd, dessen erste Textzeile auch den Titel dieser Komposition stellt, begegnet fragmentarischen Aufzeichnungen aus dem Sterbeprotokoll des englischen Filmemachers Derek Jarman, der den langjährigen Kampf gegen eine Krankheit unserer Zeit dokumentierte: AIDS.

Besonders in Jarmans Texten werden Räume beschrieben.

Durchgangslager zwischen Leben und Tod.

Warteräume, in denen man dem eigenen Echo nachlauscht, welches oft ausbleibt. Ortlose Räume, die still sind und jeden Klang, Ton oder Worte verschlucken, „löschen“.

Meine Musik versucht, solche Räume akustisch nachzuempfinden und gleichzeitig Energien aufzubauen, die diesen amorphen Zuständen entgegenwirken. Diese Musik will kraftvoll singen und bleibt doch vergeblich auf einer Tonhöhe stehen, dem es1 (in der Mitte der Klaviertastatur), welches immer wiederkehrt. Ihr Bewegungsdrang ist stark und doch bleibt diese Kraft von außen begrenzt. Und es gibt in dieser Musik nur ein „Fenster“, welches die Möglichkeit einer Perspektive bietet: das Einsetzen des Byrdschen Gambenliedes, die Beweinung einer englischen Lady.

Die Originalmusik, hier transformiert für zwei Cellogruppen zu je vier Instrumenten, die einen Knabensopran begleiten und ihn dabei im Halbrund umfassen, wird gegen Ende des Stückes in den Jarmanschen Raum hineingestellt – eine fremd anmutende, unwirklich scheinende Musik, die aus einer anderen Zeit hinübergeweht wurde, aber nicht bestehen kann in diesem Kontext und zunehmend von der „Gegenwart“ erdrückt wird, bis sie schließlich ganz unhörbar bleibt, um ganz am Ende des Stückes in den Harfen-Klängen noch einmal aufzutauchen und sich dann endgültig ins Nichts aufzulösen. Ins Nichts, welches alle Fragen unbeantwortet lässt. Und so ist diese Musik möglicherweise eine Art „kleines Requiem“, denn sie trägt in sich den gleichen Wunsch wie schon William Byrds Musik vor langer Zeit: in ihrer Traurigkeit schön sein zu wollen...

Matthias Pintscher
Venedig, 2. Mai 2002

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