Sur ‚Départ‘

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Matthias Pintscher: Sur ‚Départ‘

Départ

Assez vu. La vision s'est rencontrée á tous les airs.
Assez eu. Rumeurs de villes, le soir, et au soleil, et toujours.
Assez connu. Les arrêts de la vie.
Ô Rumeurs et Visions! Départ dans I'affection et le bruit neufs!

Arthur Rimbaud

Ich habe seit 1993 versucht, zu begreifen, warum mich dieser extrem verknappte Text so umtreibt, von Werk zu Werk spült, mitnimmt. Ich bin schon viermal mit dem Text umgegangen und gerade befinde ich mich mitten in der fünften Aus­einandersetzung mit immer dem gleichen Text.

Jeder ,neue Versuch' ist eine Metamorphose des jeweiligen vorigen Zustandes. Es handelt sich aber nicht um ein ,Work in progress', denn jede Fassung, ich nenne es lieber ,Zustand', gilt für sich und knüpft an den ,Grenzen' seines Vorgängers an. Man könnte auch von Transformationen sprechen. Ein Text spiegelt sich in einem ihm jeweils zugeordneten Raum. Der Text wandert von Stück zu Stück und so auch von Raum zu Raum.

Der erste ,Raum', den ich Depart anbei gestellt habe, ist ein kurzes Ensemblewerk für sieben Instrumente. Der Text selbst wird im Urzustand nicht transportiert; er wird erst im zweiten Zustand ,hörbar': das Ensemble wurde vergrößert und ergänzt durch drei im Raum verteilte, antiphonal anfeindend wirkende, präparierte Violoncelli sowie acht Frauenstimmen, die in diesem Werk (und bislang in allen Folgewerken) die Funktion eines Prismas übernehmen, durch die der Text hin­durchgeschickt wird. So bricht er vielgestaltig immer wieder in neuen Ausformungen aus diesem Prisma hervor. Für den dritten ,Zustand' habe ich die Raumtiefe noch einmal erhöht: in Sur ‚Départ‘ wird ein volles und in drei Gruppen aufgeteiltes Orchester eingesetzt. Die Situation der drei Raum-Celli ist geblieben, die Zahl der Frauenstimmen ist deutlich erhöht. Die ,Masse' ist größer geworden, bewegt sich schwerfälliger, akustische Wege sind länger geworden — der Raum ist gedehnt.

Im vierten Zustand ist der Raum auf einzelne mit einem Bassbogen gestrichene Zymbeln reduziert. Die Strukturen für die Stimmen sind jetzt deutlich verändert. Der bis auf die Zymbeln unbegleitete Frauenchor sendet hier die Impulse aus und muss sie gleichzeitig auch selbst transformieren, wird zu einem in sich kreisenden Klang-Körper, so wie auch das Gedicht introspektiv in sich kreist, kein ,Außen' zulässt und doch unendliche Perspektiven eröffnet. Und auch mit meinem fünften Versuch befinde ich mich immer noch auf dem Weg — das Repertoire zu Gesten und Klanggestalten ist, obwohl vom jewei­ligen Instrumentarium unabhängig, immer ähnlich geblieben.

Rimbauds Départ ist keine ,atemlos verschleuderte Sprache', wie Du sagst, sondern beherrschte Entgegnung. Die Werke sind präzis, klar, fast ,unpoetisch' — ihr Zusammenhang von größter Abstraktion und universeller Weite (über diese Formulierung bin ich noch nicht glücklich, aber vielleicht gelingt uns eine gemeinsame Formulierung).

Oder man sagt konsequenterweise nicht, was diese Worte bedeuten können.

Matthias Pintscher 21.1.2007, aus einem Briefwechsel mit Hans-Peter Jahn

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