dernier espace avec introspecteur

Das 1993 entstandene Stück dernier espace avec introspecteur für Bajan (ein russisches Knopfakkordeon) und Violoncello die erste Arbeit Matthias Pintscher, die sich bewusst in Bezug zur Bildenden Kunst setzt. Der Komponist begreift das Werk als „Annäherung, Paraphrase, ‚Sehhilfe’ zu der thematisierten Arbeit aus dem bildnerischen Bereich“ und erläutert den Kontext folgendermaßen:

Im Falle von dernier espace avec introspecteur ist eine Raumplastik von Joseph Beuys, ein „environment” aus dem Jahr 1982 (zu sehen in der Stuttgarter Staatsgalerie), Gegenstand meiner Betrachtung: Es ist selbstverständlich, dass visuelle Eindrücke nicht komponiert, also „ver-tont” werden können — es gibt keine wirkliche, interdisziplinäre Umsetzung zwischen klingender und gesehener Gestalt. Vielmehr ist es eine Gegenüberstellung verschiedener Sprachausformungen, eine Annäherung über die Parallelen zwischen ihnen. Der Komposition liegt der Versuch zugrunde, Beuys' Raumerfahrungsbegriff anhand seines „environments” auf der Ebene akustischer Vorgänge anzuwenden. Eine Paraphase über konkrete, visuelle Zeichen und Konturen innerhalb der Installation. Der Wunsch, den spezifischen Raum akustisch zu simulieren. Ein Zugang über rein assoziative Phänomene. Der Versuch, ganzheitlich zu erfassen. Eine Form von Auflösung innerhalb der kreisenden Statik meiner Musik, die, einem Prisma gleich, feinste Abstufungen in Farbe, Intensität und Plastizität durch extreme Materialreduktion ermöglicht. Vielleicht kann man das mit „Mehrdimensionalität” einer klingenden Gestalt bezeichnen. Der „introspecteur”, der retrospektive „Nach-Innen-Blick” wird in ein „In-den-Klang-Hineinhorchen” modifiziert, die Präsenz eines einzelnen Moments ganz auskostend. Um das musikalische Abtasten nachvollziehbarer zu machen, ist die Musik von dernier espace avec introspecteur weitgehend in langsamste Tempi gedehnt. Beuys selbst hat im Zusammenhang mit dieser Installation von einer neuen Dimension, einer neuen Qualität, der Wärmequalität gesprochen. Auch ich habe versucht, den energetischen Fluss zwischen den Klangrepertoires der beiden Instrumente ganz bewusst auszukomponieren. (Matthias Pintscher)