Mathias Pintscher über Osiris
Während meiner ersten Überlegungen für die Konzeption eines größer angelegten Orchesterwerkes, das später den Titel „Osiris” tragen sollte, begegnete ich einer in den 1970er-Jahren entstandenen Arbeit von Joseph Beuys, die verstreute Einzelteile zeigt (Schnittmuster aus Karton, die ursprünglich für seine Arbeit „Filzanzug” entstanden waren), die in einer freirhythmischen Sequenz auf eine nackte, unbehandelte Leinwand montiert sind. Die beeindruckende Arbeit wurde von Beuys „Osiris” genannt und inspirierte mich, über den unmittelbaren Eindruck in der Begegnung mit dieser besonderen Arbeit hinaus, mich mit dem
Osiris-Mythos auseinanderzusetzen und der Bedeutung dieses Stoffes über Jahrhunderte nachzuspüren.
Das Todesschicksal des Fruchtbarkeitsgottes, Sohn der Himmelsgöttin Nut und des Erdgottes Geb, steht für mich im Vordergrund meiner Betrachtung. Nach dem Brudermord verbleibt Osiris im Totenreich, wo er als Jenseitsrichter weiterwirkt. In der ägyptischen Mythologie ist der Tod eines jeden Menschen eng mit dem Schicksal des Osiris verbunden. Besonders berührt hat mich die Figur der Isis, Osiris’ liebende Schwester und Gemahlin, die ihren Mann nach der Zerschlagung durch den wütenden Bruder, den Kampfgott Seth, allein durch die Kraft ihrer Liebe wieder zusammensetzen kann und den rekonstruierten Körper des Geliebten durch das weite Ausschwingen ihrer Flügel wiederbelebt. Vorher hatte sie in verzweifelter, ausdauernder Suche die am Nilufer verstreuten Einzelteile ihres Gemahls zusammengesucht. Hieraus ergibt sich für mich eine Formstruktur von verschiedenen Stadien der Fragmentierung und der Reanimation: der initiale Zustand von Ganzheit, das Zerfallen in die Einzelteile und deren Wiederzusammenführung und Metamorphose – ein genuin musikalischer Prozess.
In diesem Werk habe ich versucht, größere Zusammenhänge zu schaffen, welche Osiris als eine der komplexesten Figuren der ägyptischen Mythologie in musikalischer Form erfassen wollen.
Osiris ist Pierre Boulez gewidmet.