PHAOS


Horchen in eine ferne Welt
Zu Beat Furrers Orchesterstück PHAOS


Die mythische Figur der Fama sammelt und reflektiert alle Klänge, die aus der Welt zu ihr hinübertönen. Diesen Ort, den Ovid in seinen Metamorphosen „mit einer überwältigenden Sinnlichkeit” beschreibt, wählte Beat Furrer zum Sinnbild in seinem letzten Musiktheaterprojekt Fama, das im September 2005 in Donaueschingen in einem eigens dafür konstruierten Hörraum uraufgeführt wurde.
Das Bild von dem Gemurmel und fernen Hallen der Welt wird zum Ausgangspunkt des kompositorischen Materials von Fama, denn Beat Furrer lässt das Entstehen, Tönen und Widerhallen der Klänge zum Thema seiner Komposition werden.
PHAOS nun, das neue Werk für Orchester, das Beat Furrer für das Staatsorchester Stuttgart komponiert hat, gestaltet eine Art Vorgeschichte jener Klänge, mit denen Fama beginnt. Er komponiert gleichsam auf diese Klanglichkeit zu – sie ist von einem metallen leuchtenden Glanz und wird durch hell klingende Glocken (Crotales) dominiert. Und sie besteht aus komplex übereinander gelegten Bewegungsmustern. Der Titel der Komposition spielt auf das wellenartige Reflektieren des Lichtes an, sei es in fließenden Bewegungen, sei es in grellen Schnitten: Phaos ist das griechische Wort für Helligkeit, das Licht.
Wesentliches Element der Komposition sind Schwebungen, die man als das akustische Pendant zum Moiré-Effekt erklären kann, also jener reliefartigen Struktur, die entsteht, wenn man mehrere optische Muster übereinander legt. Als akustisches Phänomen entstehen diese Interferenzen oder Summationen, wenn sich die Obertöne von eng benachbarten Klängen überlagern und dann ein eigenes akustisches Muster bilden. Unschwer lässt sich eine Verbindung zu der Vorstellung der vielfältigen Reflexionen und dem Widerhallen der Weltenklänge ziehen.
Vielfältige assoziative Bezüge vereint das Werk Beat Furrers. Wie Daniel Ender beobachtet, ist „eine Art von auskomponiertem Hören” eine wesentliche Konstante in Beat Furrers Werk, „seit dem ganz frühen Irgendwo. Fern bis zu der letzten Oper invocation: Immer wieder scheinen die Ereignisse von weit her zum Hörer zu dringen”.

Von der Ferne eines utopischen Ortes ist auch in canti notturni für zwei Soprane und Kammerorchester die Rede, die wie ein Epilog dem Ausschwingen der Klangwellen nachhorchen und sich auf einen Satz des italienischen Ingenieurs und Schriftstellers Carlo Emilio Gadda (1893–1973) beziehen, die Utopie von einem fernen, stillen Garten, wo nur die Bäume kommunizieren. Bei der Uraufführung von PHAOS am 21. Mai 2006 wurden die canti notturni unmittelbar an die Orchesterkomposition angeschlossen. (Marie Luise Maintz)


Beat Furrer im Gespräch mit Marie Luise Maintz

MLM   Die neue Orchesterkomposition PHAOS ist eng eingebunden in Fama, Dein letztes Musiktheater. In diesem überlagern sich viele inhaltliche Motivbezüge, zum einen wird die Geschichte von Schnitzlers Fräulein Else aufgegriffen, die Schilderung des Vesuvausbruchs von Lukrez zitiert - zentrales Moment ist aber die Utopie der Klangvorstellung vom Haus der Fama. Was ist die Idee hinter Deiner neuen Orchesterkomposition?

BF   In letzter Zeit hat mich zunehmend das Verhältnis von Tutti und Solo interessiert. Die Idee der Komposition PHAOS ist, das Tutti aus solistischen Momenten entstehen zu lassen. Alles entsteht aus Schwebungen, die durch das Spannungsverhältnis zwischen den temperierten und den natürlichen Obertönen erzeugt werden. Diese natürlichen Obertöne kommen meist aus den Flageolettklängen der Soloinstrumente Violine, Kontrabass und Klavier, die sich an den temperierten Klängen reiben und zu Beginn ganz im Vordergrund stehen. Aus diesen Schwebungen entsteht die Musik – ein wellenartiges Pulsieren, neue rhythmische Muster und Tempoverhältnisse. Der harmonische Hintergrund bewegt sich ständig, ganz langsam auf einen Klang am Ende zu – diese harmonischen Struktur wird zweimal durchlaufen. Ein Tuttiklang wird erst am Schluss des Stückes erreicht. Es werden quasi all diese Bewegungen im Inneren eines Klanges verstärkt.

MLM   Du hast PHAOS als ein Zurückgehen vor den Beginn von Fama bezeichnet. Dieser springt gleich in eine große Intensität, die den Hörer fast überrumpelt. Wie ist dieser Anfang vor dem Anfang zu beschreiben?

BF   Der Anfang von Fama ist ein sehr komplexer, schillernder Metallklang mit lauten Crotales; viele Bewegungen und Pulsationen sind übereinander gelagert. Und so habe ich einen Weg dorthin gesucht, den ganzen harmonischen Ablauf schon einmal abzuschreiten. Vor dem Hintergrund kontinuierlich sich verändernder, pulsierender Klänge treten solistische Klanglichkeiten hervor.

MLM   Das Stück endet schließlich mit einem großen Abgleiten, einem riesigen Glissando.

BF   Dieses Glissando ist ja schon zu Beginn als chromatische Linie abwärts in der Bassflöte vorhanden und dominiert dann am Ende des Stücks, dort gibt es dann noch einmal diese Polarisierung zwischen Soloinstrumenten und Tutti.
Was mich im Moment am Orchesterklang interessiert, ist die räumliche Disposition und Klangtransformation, denn der Tuttiklang entsteht, wenn winzige Intonationsverschiebungen Schwebungen erzeugen. Diese werden in der Komposition thematisiert: das Spannungsfeld zwischen regelmäßigen Bewegungen, Pulsationen und „sprechenden” Modellen – in dem Vorgang, dass die regelmäßigen Pulsationen in komplexere rhythmische Strukturen zerstäuben. Das entspricht dem Spannungsfeld zwischen Metrum und Rhythmus. „Sprechend” meint hier das andere Extrem von jener regelmäßigen Pulsation, die aus den Interferenzen entwickelt ist. Wie das Sprechen, die gesprochene Sprache rhythmisch komplex ist, hat auch das instrumentale Sprechen eine komplexe rhythmische Struktur und dynamische Abstufungen. „Sprechend” ist öfter als gestische Anweisung in der Partitur zu finden und dynamisches Hervortreten, artikulierendes Verdeutlichen. Das Pulsierende kann man mit dem naturhaften Automatismus in Verbindung bringen, (wie den Herzschlag, Naturtönen), das noch nicht mit Ausdruck beladen ist. Was mich interessiert, ist dieses Spannungsfeld des Mechanischen und dem Moment, wo etwas zu sprechen beginnt, diese kleinen Verschiebungen.

MLM   Du hast das Haus der Fama als den theatralischen Ort und Ausgangspunkt Deiner Fantasie beschrieben, zu dem Du Texte gesucht hast: Erzählungen, die sich in diesem Raum treffen könnten, wie etwa Vision, die Emilio Gadda formuliert. In deinen Musiktheaterwerken schaffst Du immer wieder Assoziationsräume, die sich mit der Wahrnehmung beschäftigen, mit dem Bezug der wahrnehmbaren Phänomene zum Subjekt. Ist das Haus der Fama ein Synonym für Deine Situation als Komponist, dass Du Klänge wieder spiegelst und zurück in die Welt filterst?

BF   Ja, dieser Aspekt ist mir viel wichtiger als die Vorstellung von der Fama als Gerücht, viel interessanter ist der Mensch, der dasitzt und hört und Dinge transformierend wieder gibt.