Jean-Philippe Rameau: Opera omnia
Von der Quelle zur Edition
Ein Editionsbeispiel mag die Relevanz der editorischen Arbeit für die musikalische Praxis veranschaulichen
Hippolyte et Aricie, Akt II, Szene V, zweites Trio der Parzen

Zweite Ausgabe der Partitur nach den Aufführungen 1733, Paris, Bilbiothèque nationale de France, Rés. 1079, S. 83-84
Diese Quelle enthält die Originalfassung des zweiten Trios der Parzen mit den chromatischen Modulationen beginnend auf »Où cours-tu malheureux?«
Die dritte Ausgabe, die bei den Aufführungen von 1733, 1742, 1757 und posthum verwendet wurde, enthält zahlreiche Korrekturen, Überklebungen und Umarbeitungen. Paris, Bibliothèque - Musée de l'Opéra, Rés. A 128 a, S. 83 - [83bis]

Vierte Ausgabe der Partitur, Paris, Bibliothèque nationale de France, Fonds du Conservatoire, Rés. 1234, S. 83 - 84.
Diese Quelle enthält die umgearbeitete und ins Reine geschriebene Fassung des zweiten Trios der Parzen, beraubt ihrer enharmonischen chromatischen Modulationen.
Unsere Ausgabe bringt die vollständige Fassung mit den Stimmen (Viola) nach einer weiteren Quelle (Paris, Bibliothèque nationale de France, F Pn Vm
2. 325)
In allen späteren Ausgaben wurde dieses Trio, in dem Rameau mit dem Prinzip enharmonischer Modulation experimentiert, in seiner fragwürdigen Fassung übernommen. 1737 drückt Rameau seine Verbitterung über die Streichung der modulierenden Passagen folgendermaßen aus:
»Wir fügten ursprünglich im zweiten Trio der Parzen aus der Oper Hippolyte et Aricie einen Gesang im enharmonischen diatonischen Stil ein, von dem wir uns in diesem Kontext Vieles erwarteten; wenn jedoch einige Sänger in der Lage waren, diesen Stil zu übernehmen, so konnten es doch nicht alle gleichermaßen, so dass etwas, das in einer perfekten Interpretation wunderschön klingen kann, unerträglich wird, wenn diese Perfektion fehlt; wir mussten aus diesem Grund diese Stelle für das Theater adaptieren, beließen sie jedoch im Druck in der Form, die wir erdacht hatten, damit die Neugierigen darüber urteilen könnten [...].«
(Rameau, Génération harmonique, Paris, Prault et fils, 1737, S. 154-155)